Sinti und Roma in Deutschland – die unerwünschte Minderheit

Prof. Dr. Wolfgang Benz
(alle Rechte vorgehalten)

Sinti und Roma: Die unerwünschte Minderheit
Struktur und Wirkung des Vorurteils Antiziganismus


Stimuliert durch die Überfremdungsängste der EU-Bürger erblühen alte Vorurteile zu neuem Leben, werden Feindbilder reaktiviert, mit denen die größte ethnische Minderheit Europas traditionell stigmatisiert ist. Zivilisationsfeindlich, kriminell, gewalttätig, zügellos, unstet, nicht lernfähig und nicht integrierbar seien Sinti und Roma, versichern uns selbsternannte Experten. Und sie legen den Schluss nahe, an ihrem Elend in der Slowakei, in Ungarn, der Tschechischen Republik, Bulgarien und Rumänien oder in Serbien und im Kosovo seien sie selber schuld. Die Situation der Roma in Südosteuropa ist Touristenattraktion geworden, ist Gegenstand von aufgesetzt einfühlsamen Reportagen und Fotostrecken, die mit dem Blick des Herrenmenschen angefertigt werden, um uns das Grausen zu lehren und die Mehrheit in der Abwehr der Minderheit zu bestärken.

Die selbsternannten „Experten“ nennen die Objekte ihres Interesses ganz ungeniert wieder „Zigeuner“, obwohl (oder weil) sie das kränkt. Durch Verallgemeinerung werden Gefahren beschworen und dubiose Kenntnisse über die Minderheit verbreitet, die uns durch Migration angeblich bedroht. Die unangenehmen Eigenschaften, die pauschal auf alle Roma aus Südosteuropa projiziert werden, sind willkommene Gründe zur Ausgrenzung und Diskriminierung. Und wer angesichts bettelnder Kinder und Frauen von deren Menschenwürde spricht, also davon, dass Polizeimaßnahmen zur Abschiebung nicht rechtens und keineswegs human sind, muss sich naiv nennen lassen und leichtsinnig angesichts einer vermeintlich großen Gefahr, der man energisch entgegentreten müsse.

Einst hieß es „Zigeunerplage“ und es ist erst Jahrzehnte her, dass man der Minderheit so energisch entgegentrat wie seit langem gefordert. Die Diskriminierung und Verfolgung von Sinti und Roma kulminierte im Völkermord unter nationalsozialistischer Ägide. Daran erinnern neben dem vor zwei Jahren eingeweihten Denkmal in prominenter Lage Berlins die Mahnmale und andere Zeichen in den großen Städten. Den Überlebenden wird politische Empathie in der Öffentlichkeit entgegengebracht, im privaten Raum bleibt es zu oft bei den überlieferten Mutmaßungen, die Abneigung und Ausgrenzung begründen.

Das NS-Regime hatte sich die überlieferten rassistischen und sozialen Ressentiments zueigen gemacht und führte die seit langem gängige Politik gegen die Minderheit nur weiter, bis die Ausgrenzung im Völkermord mündete. Auch dieser Genozid wurde so systematisch wie der Judenmord geplant und ausgeführt. Aber er drang erst spät ins Gedächtnis der Nation, weil die Mehrheit der Deutschen lange Zeit einig war, dass das Schicksal der „Zigeuner“ von anderen Intentionen bestimmt gewesen sei. Nicht Rassenhass sondern Kriminalprävention sei die Absicht der Nationalsozialisten gewesen und die Leiden hätten Sinti und Roma weniger verspürt als andere Opfer. Und wenn es Kriminalprävention war, dann waren die Opfer doch auch selber schuld an ihrem Unglück, dachte die Mehrheit noch Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches.

Die Leiden der verfolgten und deportierten Sinti und Roma waren mit dem Ende des NS-Regimes nicht beendet. Die Diskriminierung dauerte mindestens bis in die 1970er Jahre. Die Ablehnung der Anträge auf Entschädigung wurde von den Behörden mit den gleichen rassistischen Vorurteilen begründet, die vom NS-Staat zur Verfolgung der Minderheit benutzt wurden. „Zigeuner“ seien aus Veranlagung kriminell, ihre Internierung im Dritten Reich habe deshalb nur polizeilich notwendige vorbeugende Gründe gehabt, die Haftbedingungen seien harmlos gewesen und die Verfolgung bis Auschwitz habe sie weniger geschmerzt als andere Menschen. Vom Genozid wollten Politiker, Behörden, Gutachter, Mitbürger nichts wissen. Erst spät, für viele zu spät, gaben Gerichte den Klagen von Sinti und Roma auf Entschädigung recht. Und noch viel später sind sie in die Gedenkkultur der Nachgeborenen aufgenommen worden. Aber des Unrechts, das der Minderheit geschehen ist, sind wir uns immer noch nicht genügend bewusst, das lehren die anhaltenden Vorurteile und die Ängste der Mehrheit gegenüber Sinti und Roma in der Gegenwart. Gemeinsam bleibt den Sinti und Roma die traumatische Erinnerung an den Völkermord. Das Argument, das sei so lange her und längst Vergangenheit, zählt für sie so wenig wie für die Juden, weil der Schmerz und die Wunden des Traumas nicht nachlassen oder heilen.

Die Angehörigen der autochthonen Minderheit deutscher Sinti und Roma treten für die Mehrheit der Deutschen kaum in Erscheinung. Sie sind integriert, wohnen und arbeiten so unauffällig wie ihre Nachbarn, geben sich nicht zu erkennen, weil sie das Stigma fürchten, wenn sie sich als „Zigeuner“ outen. Einige Musiker und Sportler haben es getan, nachdem sie Prominentenstatus erreicht hatten und keine Schmähung und keinen Karrierenachteil mehr fürchten mussten, andere sorgen sich aber um ihren Platz in der Chefetage in Industrie, Banken und Handel und geben diesen Teil ihrer Identität nicht preis.

Das Verhältnis der Minderheit der Sinti und Roma zur jeweiligen Mehrheit wird auch in Deutschland durch Traditionen, überlieferte Ressentiments, Legenden, Bilder bestimmt. Dazu kommt die neue visuelle Wahrnehmung: Roma-Zuwanderer aus Südosteuropa werden als lästige Arme, als fremde Hilfsbedürftige, als „aggressive Bettler“, als ungefragte Anbieter unnützer Dienstleistungen, als Sozialschmarotzer, als Eindringlinge gesehen. Sie prägen das negative Bild, nähren die Ressentiments des Antiziganismus, das sich an die tradierten Vorurteile und Feindbilder anschließt.

Antiziganismus als Delikt wird von der zuständigen Behörde, dem Bundesamt für Verfassungsschutz, nur beiläufig als Ingredienz des rechtsextremen Spektrums zur Kenntnis genommen. Aus der Beobachtung der islamophoben und fremdenfeindlichen Partei „pro NRW“ haben die Beamten die Erkenntnis gewonnen, dass „pro NRW“ versuche, Vorurteile und Ängste in der Bevölkerung aufzugreifen und „mit pauschalen Diffamierungen anzuheizen“. Ein direkter Zusammenhang bestehe, so die Behauptung, zwischen „unkontrollierter Masseneinwanderung“ und „überbordender Kriminalität“. Der stellvertretende Vorsitzende von „pro NRW“ Jörg Uckermann wird im Verfassungsschutzbericht mit einer Rede am 9. November 2013 zitiert, in der er die Parole „Heimatliebe statt Roma-Diebe“ ausgab. Kurz zuvor, am 5. Oktober 2013, hatte ein anderer hoher Funktionär von „pro NRW“ Zuwanderer aus Osteuropa als „Heuschreckenplage“ apostrophiert. Fremdemfeindliche Demagogen und rechte Populisten versuchen, die sozialen Probleme, die durch die Zuwanderung von Roma aus Südosteuropa in deutschen Kommunen entstehen, politisch auszunutzen. Am infamsten agitierte bislang die NPD mit beleidigenden Plakaten und hetzenden Parolen gegen Sinti und Roma, sekundiert von rechtsextremen Gazetten wie der „National-Zeitung“.


Mit auftrumpfender Besserwisserei erklären Autoren von Artikeln und Sachbüchern „das Wesen“ der Zigeuner und warum man sie nicht mag. Aber das ethnologische Vorgehen führt in die Irre, denn nicht die zugeschriebenen Eigenschaften und die beobachteten Verhaltensweisen bestimmen Wahrnehmung und Reaktion der Mehrheit. Vielmehr konstruiert die Mehrheitsgesellschaft ihre Ressentiments aus eigenem Bedürfnis und agiert sie gegenüber der Minderheit. Dies ist aus der Geschichte der Judenfeindschaft geläufig, aber von vielen schwer zu akzeptieren. Es müsse doch an den Juden liegen, dass man sie nicht mag und der Hass gegen Muslime habe seine Ursache in der Religion und in den Sitten und Bräuchen derer, die ihr folgten, lauten gängige aber falsche Argumente, die gerne geglaubt werden. Fanatiker hatten einst behauptet, der Talmud gebiete den Juden feindseliges Verhalten gegen Nichtjuden und ihre Epigonen wollen glauben machen, im Koran sei die Wurzel allen Übels zu finden: Der Islam sei eine Gewaltideologie und deshalb müsse jeder gläubige Muslim ein potenzieller Gewalttäter sein.

Solche Mechanismen der Wahrnehmung gelten auch gegenüber Sinti und Roma. An die Stelle der Religion treten bei ihnen die Zuschreibungen der Kulturrassisten. Der Versuch, die Volksgrupe ethnologisch zu betrachten und zu beschreiben, um die Gründe für ihr geringes Ansehen bei der Mehrheit in schuldhaftem Verhalten oder in negativen Charaktereigenschaften oder in der Folklore der Roma zu finden, ist vergeblich und bestätigt nur die vorhandenen Ressentiments. Vergleichende Vorurteilsforschung hat ein anderes Ziel. Der Vergleich mit anderen Diskriminierten, insbesondere die Bedeutung der Gemeinsamkeiten von Antisemitismus und Antiziganismus, dient der Erkenntnis, warum die Mehrheit Partizipation und andere Bürgerrechte verweigert und im schlimmsten Falle die Exklusion bis zur genozidalen Vernichtung treibt, welchen Sinn die Ausgrenzung von Gruppen für die Ausgrenzenden hat, welche Mechanismen beim Prozess ineinandergreifen und welche Methoden dazu angewendet werden. Naturgemäß kommt der Betrachtung medialer Manifestationen von Antiziganismus die größte Bedeutung zu, sie dient auch der Exemplifizierung von Befunden.

Eine Falle, in die wir als Angehörige der Mehrheit gerne treten, ist das Zigeunerbild als literarisches Konstrukt. Liebgewordene Klischees vom freiheitsdurstigen, ganz dem Tag ohne Pflichten und Zwänge hingegebenen, allzeit fröhlichen, musizierenden, tanzenden, bunt gekleideten Naturvolk, mit lockenden jungen Frauen und wahrsagenden alten Hexen, haben Verführungskraft und sind wirksam zur Tradierung von Vorurteilen. Von den literarischen Bildern müssen wir uns befreien. Und ebenso müssen wir uns den Blick des Herrenmenschen abgewöhnen. Zum notwendigen Diskurs auf Augenhöhe gehört die Kenntnis vom historischen Schicksal der Sinti und Roma. Der Völkermord an Sinti und Roma unter nationalsozialistischer Ideologie ist keineswegs versunkene Geschichte; die Ermordung von Großeltern und Eltern der heute lebenden Generationen ist traumatische Erfahrung wie der Holocaust für die Juden. Der Unterschied besteht allenfalls in der Tatsache, dass die Mehrheit dies lange nicht zur Kenntrnis genommen hat, dass die Leiden der Juden wenn nicht Empathie so doch Gefühle der Scham und Schuld auslösten, die Leiden der Sinti und Roma aber ignoriert und vergessen wurden.

Die Vorbehalte, die mit dem neuen, wenig glücklich gebildeten Begriff Antiziganismus umschrieben werden, existieren gegenüber der Minderheit der Sinti und Roma weiterhin. Politisch akzeptiert sind die nach Schätzungen rund 50 000 Sinti und 30 000 Roma, die seit Jahrhunderten in Deutschland ansässig sind, wohl auch die etwa 20 000 Roma aus Italien, Jugoslawien und Grichenland, die seit den 1960er Jahren als Gastarbeiter zuwanderten (sie sind nur unter der Nationalität ihrer Herkunftsländer registriert und werden entsprechend wahrgenommen). Vorbehalte gegen Sinti und Roma sind offiziell verpönt, rassistische Diskriminierung wird als politisch unkorrekt gewertet und gegebenenfalls geahndet. Unter der Oberfläche aufgeklärten Verhaltens gegenüber Mitbürgern sind die alten Ressentiments jedoch virulent und bedürfen nur des Anlasses, um aktiviert zu werden. In der Folklore und der Werbung wird mit den tradierten Zigeunerbildern hantiert und die Vorstellungen über Nomadentum, Kulturferne, Unangepasstheit, hartnäckiges Eigenleben unter feindseliger Abschottung gegen die Mehrheitsgesellschaft bis hin zur Vermutung genetisch bedingter Kriminaltität sind keineswegs verschwunden.

An zwei Themenfeldern soll skizziert werden, welche Feindbilder und Vorurteile unter dem Begriff Antiziganismus agiert werden. Zentrale Bedeutung hat das Feindbild „Armutsmigration“, das Überfremdungs- und Existenzängste bedient und nicht nur in der Agitation von Rechtspopulisten und Rechtsextremen eine große Rolle spielt. Das zweite Themenfeld ist die mediale Vermittlung von Bildern über die Minderheit.

1. Seit Januar 2007 sind Rumänien und Bulgarien Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Die Zuwanderung rumänischer und bulgarischer Bürger ist seither legal. Unter ihnen befinden sich auch Roma, die in ihrer Heimat nicht nur rassistischer Diskriminierung sondern, als Folge der wirtschaftlichen Transformations- und Umstrukturierungsprozesse, auch zunehmender Verelendung ausgesetzt sind. Während gut ausgebildete und für den Arbeitsmarkt höher qualifizierte Zuwanderer wenig Integrationsprobleme haben, sind Roma auf der sozialen Stufenleiter weit unten positioniert und schwer in die Gesellschaft einzugliedern. Neben ihrer Armut ist die Angst der Aufnahmegesellschaft, genährt durch die uralten Ressentiments, die auf überlieferten Stereotypen beruhen, die Hauptursache dafür, dass sie nicht willkommen sind.

Die Zuwanderung armer Leute ist grundsätzlich und überall zu allen Zeiten unerwünscht. Das spürten Deutsche, die als politisch Verfolgte oder als Juden ab 1933 den Herrschaftsbereich der Nationalsozialisten verlassen mussten. In den Aufnahmeländern wurden allenfalls junge gut ausgebildete Fachleute gebraucht, die anderen stellten in erster Linie eine Belastung der Sozial-Etats dar, und dagegen schützten sich die USA ebenso wie die anderen Nationen, die Asyl verweigerten oder es nur ganz wenigen unter bestimmten Bedingungen gewährten.

Die Migranten aus Rumänien und Bulgarien, über die von vielen allzu schnell vermutet wird, sie seien allesamt Roma, bilden für Großstädte, in denen sie sich ansiedeln, soziale Probleme. Viele habe keine Krankenversicherung, die Wohnsituation ist (ohne Verschulden der Migranten) prekär, die Situation auf dem Arbeitsmarkt trostlos. Die Städte fühlen sich von der hohen Politik, die die Erweiterung der EU forcierte, im Stich gelassen und die Medien verbreiten nur zu gerne dramatische Bilder der Bedrohung, der „Überfremdung“, der Gefahren für die Bürger durch angeblich gewaltübende Barbaren und ihre vermuteten schrecklichen Sitten und Gebräuche. Aber weder die zahlenmäßige Dimension der Zuwanderung noch die Qualifikation der Mehrheit der Migranten bietet Anlass zur Besorgnis, wenn man sich die Tatsache bewusst macht, dass wir nicht mehr in Nationalstaaten leben, sondern in der politischen Gemeinschaft Europa.

2. Ein Lehrstück für die Zählebigkeit des Vorurteils und für die stereotypengeleitete Wahrnehmung von Minderheiten durch die Mehrheit hat sich dieser Tage ereignet. Die Medien berichteten mit großer Lust, ausführlich und detailfreudig, aber keineswegs im Geist der Aufklärung und gar nicht an Menschenrecht und Menschenwürde interessiert, über den Fall Maria. Griechische Polizisten hatten bei einer Routine-Razzia in einer Roma-Siedlung am Rand der mittelgriechischen Stadt Farsala ein kleines Mädchen entdeckt. Der Berliner Tagesspiegel berichtete in einem vierspaltigen Artikel mit folgenden Worten: „Die Fahnder suchten vor allem nach Drogen. Die fanden sie. Sie fanden auch Waffen. Und dann fanden sie die kleine Maria. Das Mädchen lugte unter einer Wolldecke hervor. Hellblondes Haar, grüne Augen – den Polizeibeamten war schnell klar: das konnte kein Roma-Kind sein“.

Dem Berichterstatter war es ebenso klar, auch der Redaktion, die unter dem Foto des Mädchens textete: „Die vierjährige Maria wurde am Wochenende von griechischen Polizisten aus den Händen einer Roma-Familie befreit. Die Familie steht im Verdacht, das Kind entführt zu haben und verwickelt sich in Widersprüche“. Mitgeteilt wird auch, dass der 39jährige Mann ein umfangreiches Vorstrafenregister habe und dass die Großfamilie Kindergeldbetrug im großen Stil betreibe. Weiter wird gehöhnt, der durch falsche Papiere dokumentierte Kindersegen des Paares müsse auf einem biologischen Wunder beruhen. Am folgenden Tag wird über das internationale Echo des Falles wieder breit berichtet. Abermals nicht auf der Basis von Recherchen, sondern von Mutmaßungen geleitet. Von weitverbreitetem Sozialbetrug ist die Rede und davon, dass „die Roma-Frau“ „besonders dreist vorgegangen“ sei. Das jahrhundertealte Feindbild scheint sich wieder einmal bestätigt zu haben: Zigeuner, die ohnehin kriminell sind, stehlen Kinder.

Wenige Tage später stieß polizeilicher Eifer auch in Irland auf ein blondes Kind in einer Roma-Familie. Der irische Fall war schneller geklärt als der griechische: der DNA-Test erwies, dass alles mit rechten Dingen zuging. Die mediale Aufregung war aber bereits geschürt, da Sensationen eilbedürftig sind.

Der Fall Maria war bald kein Ereignis mehr. Denn es hat keine Kindsentführung gegeben. Aber die normative Kraft des Vorurteils hat sich wieder einmal bestätigt. Das Publikum wurde mit stereotypen Denkmustern bedient und der aufklärende Artikel am Ende der Affäre, betitelt „Das Vorurteil der dunklen Haut“, war wieder mit einem dreispaltigen denunziatorischen Foto aufgemacht. Die Bildlegende lautete: „Dieses von der griechischen Polizei verbreitete Foto von Maria und dem Roma-Ehepaar weckt alte Klischees, nach denen Roma angeblich fremde Kinder entführen. Das Vorgehen der Behörden stößt zunehmend auf Kritik“.
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Die Haltung der Medien ebenfalls, wäre anzumerken. Der Diskriminierung der größten Minderheit, die in Europa lebt, ist ein neues Kapitel hinzugefügt, gleichzeitig ist die Wirkung des fortwährenden Ressentiments der Mehrheit gegenüber einer Minderheit demonstriert worden.

Diskriminierung und Armut sind gute Vorlagen für künstlerisches Schaffen und solchermaßen gestaltet ist die in ihrer realen Existenz unerwünschte Minderheit willkommen. Die Ankündigung eines Buches über Roma in Südosteuropa
2 bestätigt die Ahnung, dass die Mehrheit in der Wahrnehmung der Minderheit keine Fortschritte gemacht hat. De „Zigeuner“ sind immer noch Objekte romantisierender Betrachtung, wahrgenommen als exotisches Sujet, dargestellt als Abenteuer des Voyeurs, der als Fotograf (und seine Frau als Geschichtensammlerin) in Dänemark auf das Thema aufmerksam wurde.

Auf die Nachricht hin, in einer Zigeunersiedlung in Ungarn würden die Menschen leben wie im späten Mittelalter, sind der Fotograf und die Geschichtensammlerin aufgebrochen, haben sich bei den Roma einquartiert und „die Zigeuner“ sieben Jahre lang zu ihrenm Thema gemacht. Die Bilder sind in den Galerien der großen Städte zu sehen, die Aufnahmen werden gepriesen als „malerisch und dokumentarisch zugleich“, sie „erzählen das Schicksal eines vertriebenen, geschassten, wandernden Volkes, ein Leben in ewiger Improvisation“. Der hohe Ton, in dem solche Klischees vorgetragen werden, ist gut bekannt als Methode, dem „Zigeuner“ literarische Zuwendung angedeihen zu lassen – von Hermann Hesse bis Wolfdietrich Schnurre und Werner Bergengruen. So sieht die Mehrheit die Sinti und Roma immer noch am liebsten, nicht als Bürger, Nachbarn und Kollegen, schon gar nicht als arme Einwanderer mit fremden Sitten. Die Distanz, vom skandinavischen Künstlerehepaar mit Bedacht inszeniert, ermöglicht freundliche Emotionen wie diese: „Die intensiven Porträts, Momentaufnahmen und Panoramabilder, aufgenommen mit einer Hasselblad, brechen mit dem Klischee vom romantischen Zigeunerleben, sie erzählen von der Härte des Überlebens, von Würde, von Schmutz und Stolz“.3

Irrtum. Kein Klischee wird mit solchen Bildbänden gebrochen, aber viele Vorurteile werden bestätigt. Die Kulturalisierung des „Zigeunerlebens“, die Lust an der Armut der Roma, die Botschaft von Würde, Schmutz und Stolz ist ebenso wie die ressentimentbeladene Reportage über das Dasein auf Müllhalden oder in menschenunwürdigen westdeutschen Wohnungsbau-Ruinen ein Zerrbild der Existenz der größten Minderheit in Europa. Zur Wirklichkeit gehört die Normalität der integrierten Sinti und Roma, aber auch der Hass, der ihnen entgegenschlägt.