„Unruhige Nacht"

Unruhige Nacht
Vorführung des Spielfilms von Falk Harnack (1958), mit historischer Einführung
14.5.2013, 19.00–21.00 Uhr
Staatsarchiv Ludwigsburg
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Während des Russlandfeldzuges versucht ein deutscher Soldat dem Grauen des Krieges zu entkommen und mit seiner ukrainischen Geliebten zu fliehen. Doch die Liebenden werden aufgegriffen und der junge Mann wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt. Militärpfarrer Brunner soll dem Soldaten in dessen letzten Stunden Beistand leisten. Beiden steht eine unruhige Nacht bevor. Doch es ist auch die Nacht, nach der viele deutsche Soldaten nach Stalingrad Geschick werden – und sie ahnen oder wissen, welches grausame Schicksal ihnen dort bevorsteht. Ebenso kann der Titel als Beschreibung der NS-Herrschaft und des von ihr entfachten Kriegs insgesamt verstanden werden.

„Unruhige Nacht“ mit Bernhard Wicki und Hansjörg Felmy ist eine konsequente und unerbittliche Absage an den Krieg und gleichzeitig die erste kritische Auseinandersetzung mit der Wehrmachtsjustiz während des Zweiten Weltkriegs. Der 1958 veröffentlichte Film ist sehr stark von der Absicht geprägt, die kritische Haltung einzelner Hauptfiguren zu beschreiben. Der Militärpfarrer und der Leiter des Erschießungskommandos (im Zivilberuf ebenfalls Pfarrer) leiden unter ihren Pflichten im nationalsozialistischen, militärischen System - sie finden allerdings keinen Ausweg. Dass sie sich Jahre vorher für ihre Ideale der Menschlichkeit hätten stark machen müssen, dass sie sich ihrer Schuld bewusst sind, dass sie - falls sie überleben - den Krieg „entzaubern“ und gegen neue Kriegsverherrlichung eintreten wollen, sind die einzigen, überwiegend bitteren Erkenntnisse.

Das Buch entstand nach einer Novelle von Albrecht Goes – der schwäbische Schriftsteller war im Hauptberuf Pfarrer und hat eigene Erlebnisse als Militärpfarrer in die Rolle des Brunner eingearbeitet. Seine Frau Elisabeth Goes, geborene Schneider, fand ganz praktische Möglichkeiten, ihre Überzeugung zu verwirklichen, während Albrecht Goes „im Feld“ war: Sie bot jüdischen Verfolgten Unterschlupf im Pfarrhaus von Gebersheim bei Leonberg.

Der Regisseur Falk Harnack wurde für sein "langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film" ("Das Beil von Wandsbek", "Arzt ohne Gewissen") 1983 mit dem Filmband im Gold ausgezeichnet. Ebenso wie Albrecht Goes war für ihn die Aufarbeitung der Nazi-Zeit ein bestimmendes Element seiner künstlerischen Arbeit. Immer wieder beleuchtete er Unterdrückung, Verfolgung und Widerstand in seinen Filmen. Er war selbst im bürgerlichen Widerstand gegen das NS-Regime aktiv. Er stellte die Verbindung zwischen den Widerstandsgruppen „Weiße Rose“ und „Rote Kapelle“ über seine Vettern Klaus und Dietrich Bonhoeffer her. Als er selbst vor dem „Volksgerichtshof“ unter Vorsitz des gefürchteten Unrecht-Richters Rudolf Freister angeklagt war, rettete er sich durch eine Aussage, er wolle dafür sorgen, dass Deutschland nicht untergehen dürfe, selbst wenn der Krieg verloren ginge. Sein zweideutiges Betonen einer nationalistischen Position brachte ihn schließlich zu einem überraschenden Freispruch aus Mangel an Beweisen, während Mitangeklagte hingerichtet wurden. Auch sein Bruder Arvid wurde Opfer des NS-Terrors.

Bernhard Wicki drehte ein Jahr nach seiner Darstellung des Militärpfarrers Brunner als Regisseur den Antikriegs-Film „Die Brücke“, der in Deutschland ein riesiges Publikum fand. Er konnte eine handlungsreiche und sehr anrührende Geschichte erfolgreich umsetzten. Bis ins hohe Alter arbeitete auch Wicki am Thema des Nationalsozialismus und wie so viele Menschen sich ihm als Täter anschlossen, zuletzt 1989 in „Das Spinnennetz“ nach einem Roman von Joseph Roth.