So forscht die Zentrale Stelle

VORTRAG:
Dr. Sila Cehreli: Auf der Suche nach Spuren eines nationalsozialistischen Vernichtungslagers
Die Forscherin stellt ihre Untersuchung über die Vorermittlungen der Zentralen Stelle Ludwigsburg über das Vernichtungslager Belzec vor, die von 1959 bis 1963 geführt wurden. Gegenstand und Methoden der Arbeit der „Ermittler von Ludwigsburg“ werden an diesem Beispiel verständlich.
Dienstag, 21. September 2010 · 19 Uhr · Staatsarchiv, Arsenalplatz 3, Ludwigsburg



Dr. Cehreli stellte uns den Text ihres Vortrags zur Veröffentlichung auf unserer Homepage zur Verfügung:


Dr. Sila Cehreli

Belzec

Auf der Suche nach Spuren eines national-sozialistischen Vernichtungslagers

Mein Vortrag konzentriert sich auf die Vorermittlungen der Zentralen Stelle Ludwigsburg, die über das Vernichtungslager Bełżec geführt wurden. Ich habe dieses Thema entdeckt, während ich in den Jahren 2003 bis 2005 einige Monate im Bundesarchiv Ludwigsburg für meine Doktorarbeit an der Sorbonne arbeitete. Damals beabsichtigte ich nur, Informationen zu meinem Forschungsthema zu sammeln. Es war ein schwieriges Thema, das die Nationalsozialistische Völkermord-Politik und die jüdischen Widerstandsbewegungen  in den vier Vernichtungsstätten betraf, also in Chelmno, Bełżec, Sobibor und Treblinka. Beim Studieren dieser Unterlagen, die aus der Arbeit der Ermittler in Ludwigsburg stammen, habe ich bemerkt, dass es ebenfalls möglich ist, darin klare Hinweise bezüglich der Durchführung der Vorermittlungen zu finden. Durch die Analyse der Schriftwechsel und der Berichte konnte man insbesondere sehen, wie diese Untersuchungen nur ca. 15 Jahre nach dem Sturz des NS-Regimes realisiert worden sind. Man konnte auch die Schwierigkeiten erkennen, mit denen die Ermittler von Ludwigsburg in ihrer heiklen Arbeit konfrontiert waren. Und das in einer Zeit, wo die historische Holocaust-Forschung auch nur tastend vorrückte. Der Fall der Vorermittlungen, die Belzec gewidmet sind, stellt dafür ein besonders interessantes Bespiel dar.
Die Untersuchungen wurden mit einem Vermerk von Dietrich Zeug eröffnet, der damals ein junger Gerichtsassessor war. Dieser Vermerk vom 28. Juli 1959 kündigte den Beginn einer Vorermittlung an, die der historischen Forschung eine Dokumentation von mehr als 2000 Blättern in 10 Bänden versammelt hinterließ.
Am Tag nach der Eröffnung der Vorermittlung über Belzec ersuchte Zeug als erstes die Hilfe des Internationalen Suchdienstes des Roten Kreuzes in Arolsen/Waldeck. Er bat diese Organisation ihm - unter anderen Auskünften - Informationen über die ehemaligen Häftlinge dieses Lagers zu liefern. Zu diesem präzisen Thema hat er danach auch an verschiedene westdeutsche Behörden Anfragen geschickt. Die Tatsache, dass der Gerichtsassessor sich erhoffte, eine große Anzahl von Überlebenden von Bełżec wiederzufinden, zeigt deutlich, dass man seinerzeit noch weitgehend die Vernichtungsstätten mit den Konzentrationslagern verwechselte. Heute wissen wir natürlich, dass nur vier Überlebende von 600.000 bis 900.000 Opfern eine Spur durch eine Zeugenaussage hinterlassen haben.
Die Ermittler der Zentralen Stelle haben danach ihre Untersuchung mithilfe einer Studie der ersten veröffentlichten Forschungen über den Holocaust begonnen. Die Arbeit von Gerald Reitlinger zählte zu den wichtigsten Referenzbüchern dieser Zeit. Sie wurde zum ersten Mal im Jahre 1953 in London veröffentlicht und drei Jahre später ins Deutsche übersetzt. Die 46 Bände des Prozesses, der vor dem internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg geführt wurde, stellten eine zweite Quelle von Informationen für die Ermittler dar. Die Richter und Staatsanwälte von Ludwigsburg haben sich außerdem auf die Werke bezogen, die Zeugenaussagen und Dokumente über den Völkermord zusammentragen haben. Wenn es sich um polnische Bücher gehandelt hat, haben die von der Zentralen Stelle angestellten Dolmetscher auszugsweise Kapitel betreffend das Lager Bełżec aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt. Damit haben sie den Juristen die dort enthaltenen Informationen zugänglich gemacht. Durch die Studie dieser frühen Geschichtsschreibung des Holocausts verfolgten die westdeutschen Ermittler zwei Ziele: Einerseits versuchten sie die Identitäten der Täter dieser Gewaltverbrechen aufzudecken. Andererseits wollten sie ehemalige Häftlinge des Lagers wiederfinden, um gerichtliche Untersuchungen gegen die Erstgenannten einleiten zu können.
Ungefähr zwei Monate nach dem Beginn der Untersuchungen über Bełżec schrieb Zeug jedoch in einem Brief, der an den Rechtsanwalt Edward Kossoy gerichtet war, dass die Zentrale Stelle bis zu diesem Zeitpunkt nur sehr wenig bedeutende Informationen hatte zusammentragen können. Der Gerichtsassessor schrieb an den Rechtsanwalt, um ihm die veröffentlichte Zeugenaussage von Rudolf Reder zurückzugeben, der seinerzeit der einzige bekannte Überlebende der Vernichtungsstätte Belzec war. Bei dieser Gelegenheit vertraute Zeug dem Rechtsanwalt an, dass "die Vorermittlung betreffend Bełżec sich als äußerst schwierig erwies."
Tatsächlich sind die Ermittlungen Zentralen Stelle im Fall Belzec nur langsam fortgeschritten. Die westdeutschen Ermittler haben sich häufig in den Spuren getäuscht, die sie gerade erforschten. Sie mussten dann diese ersten Spuren aufgeben, indem sie die Untersuchung aufgrund anderer Hinweise neu orientierten. Die von der Zentralen Stelle durchgeführte Suche nach Überlebenden des Lagers von Belzec stellt ein sehr gutes Beispiel dieser Arbeitsmethode dar.
Der wichtigste Ermittler der juristischen Untersuchungen, die der "Aktion Reinhard" gewidmet sind, ist – wie gesagt - Dietrich Zeug. Bei der Aktion Reinhard handelt es sich um die Vernichtung der Juden in den Lagern von Belzec, Sobibor und Treblinka. Als Antwort auf die zahlreichen Korrespondenzen, die durch Zeug verfasst wurden, kamen erste Informationen in Ludwigsburg an, ohne allerdings wichtige Auskünfte zu liefern. Zum Beispiel schrieb der Direktor des Archivs von Yad Vashem namens Jozef Kermisz am 9. November 1959 in einem Brief, dass das Institut nicht wisse, ob Rudolf Reder, der einzige Überlebende von Bełżec, noch am Leben sei. Eine andere Antwort, die vom internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes stammt, enthielt einige Tage zuvor eine viel versprechende Spur: Dieser Brief informierte Zeug über die Existenz eines Entschädigungsantrags, der von Rudolf Reder an das Landesamt für Wiedergutmachung in Mainz gestellt worden war. Die Entdeckung eines solchen Vorgangs stellte tatsächlich einen großen Schritt nach vorn dar, da sie - unter anderen Informationen - die Anschrift des Überlebenden enthielt.
Das Landesamt für Wiedergutmachung in Stuttgart teilte der Zentralen Stelle ebenfalls am 9. November 1959 die Namen von drei ehemaligen Gefangenen von Bełżec mit, die gleichfalls einen Antrag an diese Behörde zum Thema Entschädigung gestellt hatten. Es handelte sich um Mordechai Bracht, um Smuel Velczer und um Hersz Binder. Sie hatten in ihren Anträgen erklärt, dass sie sich im Wald versteckt gehalten hatten, nachdem sie erfolgreich von der Vernichtungsstätte Bełżec geflohen waren. Das Landesamt für Wiedergutmachung in Stuttgart äußerte jedoch, indem es diese Information übermittelte, gegenüber der Zentralen Stelle seine Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Aussagen der drei Überlebenden des Völkermords. Es meinte, dass es sich eher um Juden handelte, die die Jahre des Krieges in Russland verbracht hatten, und nicht um Überlebende des Lagers von Bełżec.
Nach Eingang dieser ersten Antworten schrieb der Gerichtsassessor Zeug am 30. November 1959 an Rudolf Reder. Er bat dabei um seine Mitarbeit in der laufenden Vorermittlung. Dann schloss er seinen Brief ab, indem er ihn über die Gefahr der Verjährung der in Belzec begangenen Verbrechen informierte.
Der Brief von Zeug enthielt außerdem zwölf Fragen hinsichtlich der Inhaftierung von Rudolf Reder in Bełżec. Diese zielten besonders darauf, Informationen über das Personal des Lagers zu sammeln. Mit den Fragen versuchte Zeug, die Verbrechen zu bestimmen, deren die Täter sich - individuell - schuldig gemacht hatten. Es war außerdem äußerst wichtig, dass die Überlebenden diese Verbrechen mit eigenen Augen gesehen hatten. Die westdeutschen Ermittler wünschten außerdem, die bisher offen gebliebenen ungenauen Punkte in ihrer Untersuchung aufzuklären. So fragten sie Rudolf Reder erstens nach der Zahl der Gaskammern in Belzec und nach der Identität des Vertreters des Lagerkommandanten. Die Ermittler wollten sich schließlich informieren, ob der Überlebende in seiner Umgebung Häftlinge kannte, die aus Bełżec oder den anderen Vernichtungslagern entkommen konnten.
Ungefähr drei Wochen später hat der Gerichtsassessor dieselben Fragen jeweils auch an Mordechai Bracht, Smuel Velczer und Hersz Binder nach Israel geschickt. All diese Korrespondenzen sind jedoch zunächst ohne Antwort geblieben. Folglich wandte Zeug sich dann an Tuviah Friedman, den Direktor eines Dokumentationszentrums über den Holocaust in Haifa. Sein Brief enthielt wieder die drei Fragebögen, die für die Überlebenden von Bełżec bestimmt waren. Genauer gesagt, bat er den Direktor, die drei israelischen Überlebenden zu kontaktieren, um sie zu überzeugen, auf die Fragebögen für die laufende Untersuchung zu antworten.
Inzwischen hatte die Ehefrau von Hersz Binder einen Brief an Zeug adressiert, der ihm mitteilte, dass ihr Mann im Februar 1959 gestorben war. Danach kam auch die an Smuel Velczer gesendete Korrespondenz nach Ludwigsburg zurück.
Mitte Januar 1960 glaubte die Zentrale Stelle erneut, die Spur eines Überlebenden von Bełżec, wieder dank eines Entschädigungsantrags, gefunden zu haben. Der Antrag war dieses Mal an das Landesamt für Wiedergutmachung in Karlsruhe gestellt worden. Es handelte sich um Gisela R., die von Mitte 1942 bis Frühjahr 1944 die Kleidung der in Belzec ermordeten Opfer sortiert hatte. Nach dieser Entdeckung schickte Gerichtsassessor Zeug sofort einen von seinem Fragebogen begleiteten Brief an diese neue Zeugin. Ebenso schrieb er noch einmal an Tuviah Friedman, um ihn zu fragen, ob er mit dieser Frau sprechen könnte. Aber auch dieses Mal ist die Untersuchung kaum fortgeschritten. Tuviah Friedman hat zwar Gisela R. interviewt. Aber er beschrieb den Verlauf seines Gespräches mit dieser Frau als enttäuschend. Nach seiner Meinung war es nicht angebracht, sie als eine Zeugin anzusehen, da ihre Geschichte ihm als eine Erfindung erschien.
Die von Friedman wiedergegebene Erzählung von Gisela R. scheint mir allerdings durchaus glaubhaft: Diese Frau, die vom Getto von Tarnow deportiert worden war, war von einem nach Belzec fahrenden Zug gesprungen. Nachdem sie das Bewusstsein für mehrere Stunden verloren hatte, erhielt sie die Hilfe eines polnischen Landwirtes, bei dem sie einige Wochen untergebracht wurde. Dieser Landwirt hat für sie danach eine Schneiderinnenarbeit im Dorf von Bełżec gefunden, wo sie sich als eine Christin vorgestellt hat. Das Misstrauen von Friedman ergab sich besonders, weil Gisela R. außerhalb der Vernichtungsstätte gearbeitet hatte.
Es scheint jedoch sehr wahrscheinlich, dass Gisela R. zu einem gegebenen Zeitpunkt in die Nebengebäude des Bahnhofs von Bełżec versetzt wurde; dort, wo die Sachen der ermordeten Opfer zunächst zusammengetragen und sortiert wurden. Diese Gebäude befanden sich sicherlich nicht innerhalb des Lagers. Trotzdem gehörten sie unumstritten zur Topographie der Vernichtungsstätte in Bełżec. Und selbst wenn Gisela R. nicht in diese Gebäude versetzt worden wäre, hätte ihre Anwesenheit im Dorf ab dem Beginn des Jahres 1943 ausgereicht, ihr wenigstens Informationen über die Demolierungsarbeiten des Lagers mitzuteilen. Es ist wichtig, hier daran zu erinnern, dass Belzec – im Gegensatz zu Auschwitz oder den anderen Lagern – nicht nur aus einem isolierten Territorium bestand. Das Lager umfasste auch einige gewöhnliche Orte des Dorfes. Die Mitglieder des SS-Sonderkommandos wohnten zum Beispiel nicht in dem isolierten Territorium selbst, sondern in Häusern, die von den Polen beschlagnahmt worden waren.
Ende Januar 1960, während Friedman und Zeug ihre Untersuchung zur Zeugenaussage von Gisela R. aufgegeben hatten, hatte die Zentrale Stelle noch keine Antwort seitens Rudolf Reders erhalten. Friedman richtete deshalb einen zweiten Brief an diesen Überlebenden, um ihn davon zu überzeugen, mit Gerichtsassessor Zeug zu kooperieren. Dabei hat Friedman es nicht unterlassen, zum Schluss seines Briefes die Grüße seines Nachbarn in Haifa zu übermitteln, der offensichtlich R. Reder aus Lemberg kannte. Diese Einzelheit zeigt uns, dass die Zentrale Stelle - zu Recht - die Möglichkeit einer Ablehnung seitens der Überlenden in Betracht gezogen hat, mit einer westdeutschen Behörde nur etwa fünfzehn Jahre nach dem Krieg zu kooperieren.

Zeug hat schließlich doch noch eine Antwort von einem Rudolf Reder erhalten. Dieser hat jedoch geschrieben, dass er nicht der Überlebende sei, den der Gerichtsassessor suchte. Es handelte sich um einen sehr ungewöhnlichen Zufall, weil diese Person genau wie der ehemalige Häftling von Bełżec in Toronto lebte.
Andere viel versprechende Hinweise haben ebenfalls die Ermittler der Zentralen Stelle im Laufe ihrer Untersuchung enttäuscht. Am 12. Februar 1960 teilte Zeug dem Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes mit, dass es ihm gelungen sei, einen zweiten Zeugen zu finden, der die Gaskammern von Bełżec überlebt hätte. Er bat daher diese Behörde, ihm Informationen über diesen Überlebenden zu übermitteln. Es handelte sich um Stanislaw Kozak, einen polnischen Einwohner von Bełżec, der zu der ersten Gruppe angehört hatte, die von Anfang November bis Ende Dezember 1941 anfing, das Lager zu errichten. Die Aussage dieses Zeugen wird von Historikern so oft wie der Gerstein-Bericht oder das Protokoll der zwei Vernehmungen des Professor W. Pfannenstiel zitiert. Beide hatten das Lager Bełżec im August 1942 inspiziert.
Am 2. Februar 1960 konnte Friedman schließlich Zeug berichten, dass er dieses Mal mit Sicherheit eine Überlebende der Vernichtungsstätte gefunden hatte: Es war Sara Ritterband, die bei ihrer ersten Besprechung auf ihn einen „ehrenwerten und aufrichtigen Eindruck“ erweckt hatte. Auch wenn diese Frau während des Gespräches sehr nervös war, hat Friedman in seinem Brief betont, dass es wichtig sei, eine neue Anhörung dieser Zeugin in Betracht zu ziehen.

Trotz der Entdeckung dieser Zeugin schien die juristische Untersuchung doch immer noch nicht wesentlich fortzuschreiten. Die Aufmerksamkeit der Zentralen Stelle konzentrierte sich von nun an mehr auf die Aussagen von Smuel Velczer und von Mordechai Bracht. Eine Antwort dieser zwei Überlebenden ist nach Ludwigsburg schließlich Mitte Juli 1960 von einer israelischen Ermittlungsbehörde zugegangen. Ein Beamter dieser Behörde hatte im Mai die zwei Zeugen zuhause besucht. Mordechai Bracht hat im Laufe dieser Besprechung gesagt, dass er nie in Bełżec gewesen sei. Er habe sich während des Krieges in den Wäldern versteckt, die sich in der Nähe dieses Lagers befanden. Es war für den israelischen Beamten nicht möglich zu bestimmen, ob das ebenfalls für Smuel Velczer gälte. Im Laufe seines Besuches in Kfar Chassidim hat der Polizeibeamte in der Tat erfahren, dass dieser im Jahre 1959 gestorben war.

Ungefähr zwei Jahre später hat Zeug noch einmal um die Hilfe der israelischen Ermittlungsbehörde hinsichtlich Yenta Silbermandel ersucht. Dem World Jewish Congress zufolge sollte es sich wieder um eine Überlebende von Bełżec handeln.
Es war erneut die israelische Ermittlungsbehörde, die einen Bericht über die Anhörung dieser potenziellen Zeugin machte: Silbermandel war nicht in Bełżec interniert, sondern in einem Lager in Belzyce, das 18 km von Lublin entfernt ist.
Die Zentrale Stelle hat die Antworten auf Zeugs Fragebogen von dem echten Rudolf Reder erst Mitte 1960 erhalten. Die Verspätung, die die Kontaktaufnahme des Überlebenden mit dem Gerichtsassessor betrifft, war wahrscheinlich auf ein Missverständnis zurückzuführen. Rudolf Reder hatte im Jahre 1949 seine Identität in Roman Robak geändert. Er hatte diese Änderung nach dem Rat eines Rechtsanwalts in Anbetracht der Verfolgung gewählt, die er als Unternehmer im kommunistischen Polen erfahren hatte. Dieser Überlebende hat sich schließlich nach Deutschland begeben, um am 8. August 1960 vor dem ersten Staatsanwalt in München auszusagen. So erhielten die westdeutschen Ermittler zum ersten Mal einen detaillierten Bericht über Belzec, der von einem Mitglied des Arbeitsjuden- Kommandos dieses Lagers stammte.
Die durch die Zentrale Stelle unternommene Suche nach Verdächtigen ist auch weiterhin nur langsam fortgeschritten. Man irrte zunächst um zahlreiche Spuren herum, die sich letztendlich als falsch erweisen sollten. Die richtige Übertragung der Namen der Mitglieder des SS-Sonderkommandos von Bełżec hat für die westdeutschen Ermittler das erste zu überwindende Hindernis dargestellt. Diese Namen wurden am Anfang gemäß der Aussprache wieder abgeschrieben, die von vernommenen Zeugen gebraucht worden war,
was natürlich zu zahlreichen Rechtschreibfehlern und Verwirrungen Anlass gab. Ein vom Gerichtsassessor Zeug verfasster Vermerk vom 2. Oktober 1959 zeigt zum Beispiel, dass die Nachforschung sich zunächst auf Heckenholt, Irrmann und Obermeyer konzentrierte: drei Verdächtige, deren Spur durch die veröffentlichte Zeugenaussage von Rudolf Reder und die Vernehmungen des Professors Pfannenstiel entdeckt wurde. Die westdeutschen Ermittler begannen danach wieder, verschiedene Behörden zu kontaktieren, um Daten über alle Verdächtigen zusammenzutragen, von denen sie soeben die Namen aufgedeckt hatten. Sie haben erst später erfahren, dass sie in Wirklichkeit Lorenz Hackenholt, Fritz Jirrmann, Josef Oberhauser – und nicht Heckenholt, Irrmann oder Obermeyer - suchten.
Abgesehen von den Schwierigkeiten, deren Ursache Fehler waren, die bei der Niederschrift der deutschen Namen begangen wurden, sah sich die Zentrale Stelle auch konfrontiert mit SS-Mitgliedern, die denselben Namen trugen. Im Fall des zweiten Kommandanten des Lagers Bełżec zum Beispiel hatten die westdeutschen Ermittler zuvor anhand der SS-Dienstrangliste elf Mitglieder dieser Organisation identifiziert, die alle Hering hießen, was ihre Untersuchung sicherlich nicht vereinfacht hatte.
Die Ermittler von Ludwigsburg waren manchmal auch mit Todeserklärungen konfrontiert. Dies war insbesondere der Fall bei Lorenz Hackenholt, dem Spezialisten der Gaskammern der Aktion Reinhard. Eine Todeserklärung war am 1. April 1954 durch ein Gericht von Berlin-Schöneberg auf Antrag seiner Ehefrau ausgestellt worden. Der 31. Dezember 1945 erschien auf dem Dokument als Todestag, der aufgrund der Erklärung von Ilse Hackenholt bestimmt worden sei. Diese hätte - seit November oder Dezember 1944 - kein Lebenszeichen mehr von ihrem Ehemann erhalten. Die Mutter von Lorenz Hackenholt hatte ebenfalls bestätigt, dass sie keine Nachricht mehr von ihrem Sohn seit demselben Zeitpunkt erhalten hatte. Die Vorermittlungen gegen Lorenz Hackenholt hätten also nach diesem Dokument beendet werden können. Aber Zeug hat eine Änderung der Identität dieses Verdächtigen nicht ausgeschlossen, was nochmals die Gründlichkeit der Arbeit, die durch die Zentrale Stelle unternommen wurde, bestätigt.

Trotz aller Lücken der Untersuchung schrieb Zeug in seinem Vermerk vom 17. Februar 1960, dass die Belzec-Akte nun der Staatsanwaltschaft München I übermittelt werden müsse. Er unterstrich ebenfalls in diesem Vermerk, dass seine Teilnahme an der ersten Vernehmung von Josef Oberhauser sehr wichtig sei. Dieser Angeklagte musste nämlich auch im Rahmen der Untersuchungen über Treblinka, Sobibór, das Euthanasie-Programm und die Verbrechen, die im Lubliner Raum begangen wurden, vernommen werden. Das würde - in der Tat – eine Expertise mit einer Gesamtsicht erfordern, die genaue Kenntnisse betreffend diese fünf schwierigen Themen erfordert. Ungefähr eine Woche nach diesem Vermerk erwähnte Zeug dieselbe Frage in einem Brief, der für Dr. Kermisz, den Direktor der Archive in Yad Vashem, bestimmt war. Er brachte darin deutlich seinen Willen zum Ausdruck, weiterhin den Fortschritt der juristischen Untersuchungen betreffend die Vernichtungsstätte Bełżec voranzutreiben:
« Ich werde jedoch die Untersuchungen bezüglich Belzec auch von hier aus ständig weiter im Auge behalten und wäre Ihnen daher sehr dankbar, wenn Sie mir weitere Anhaltspunkte bezüglich Belzec, die Ihnen eventuell noch bekannt werden, noch mitteilen würden. Wie ich Ihnen bereits schon mehrfach mitgeteilt habe, ist es gerade bezüglich Belzec ungeheuer schwierig, die seinerzeitigen Vorgänge aufzuklären. Jeder, auch der kleinste Hinweis ist daher sehr wichtig.»
Ein anderer Brief, der von dem Staatsanwalt und Leiter der Zentralen Stelle, Adalbert Rückerl, am 19. März 1971 an Hermann Langbein gerichtet wurde, zeigt allerdings, dass die Zentrale Stelle zu dieser Zeit nicht einmal mehr einfache Informationen über die Untersuchungen mitteilen konnte, da die Vorermittlungsakte der zuständigen Staatsanwaltschaft übermittelt worden war. Hermann Langbein konnte daher von Ludwigsburg keine Auskünfte erhalten über Fragen wie die Zahl, die Identität und das Schicksal der Mitglieder des SS-Sonderkommandos von Bełżec. Dieses Beispiel zeigt außerdem, dass die Ludwigsburger Ermittler nach Abgabe eines Falls an eine Staatsanwaltschaft nicht immer die nächsten Schritte des Ermittlungsverfahrens verfolgen konnten, obwohl sie die Vorermittlungen selbst eröffnet hatten.

Was ist schließlich aus der Belzec-Akte geworden? Der Untersuchungsrichter beim Landgericht München I hat zwar - durch eine Entscheidung vom 13. April 1960 – die gerichtliche Voruntersuchung über das Lager eröffnet. Es gab jedoch neue Schwierigkeiten wie zum Beispiel die Verjährung der nationalsozialistischen Verbrechen, die am 8. Mai 1965 in Kraft treten sollte. Dieses Datum stellte für die Ermittler also eine letzte Frist dar, bis zu der alle vor der Untersuchung aufgestellten Hindernisse überwunden sein mussten.
Am 6. September 1960 informierte der Generalstaatsanwalt beim Landgericht München I auch noch die Zentrale Stelle, dass er sich gezwungen sehen würde, die Verfolgungen gegen Josef Oberhauser auszusetzen, wenn das erwartete Material aus Polen oder dem amerikanischen Nationalarchiv keine konkreten Belastungen gegen diesen Angeklagten bringen würde. Die vierte Strafkammer des Landgerichts München I hatte bereits am 10. August 1960 den Haftbefehl gegen Josef Oberhauser nach seiner Gegenüberstellung mit Rudolf Reder im Rahmen der Untersuchung aufgehoben. Der Überlebende gehörte zum Arbeitsjuden-Kommando von Bełżec von Mitte August bis November 1942. Josef Oberhauser war aber ab dem 1. August desselben Jahres der Vertreter von Christian Wirth, des Inspekteurs der drei Vernichtungsstätten der „ Aktion Reinhard“ in Lublin, geworden. Beide inspizierten ab diesem Zeitpunkt die drei Lager und deren Personal. Sie waren aber nicht ständig in Belzec. Deshalb hatte Rudolf Reder den Angeklagten nicht wiedererkennen können.

Die Zentrale Stelle in Ludwigsburg hat selbstverständlich in seiner an den Generalstaatsanwalt gerichteten Antwort auf der Notwendigkeit bestanden, das gerichtliche Verfahren weiterzuverfolgen. Sie hat zu Recht die Schwierigkeit unterstrichen, diese Angelegenheit zu untersuchen, die sich beträchtlich von einer gewöhnlichen Ermittlung unterschied.
Die Anklageschrift, die zum Abschluss der Ermittlungen vorbereitet wurde, ist ein problematisches Dokument. Sie betraf Josef Oberhauser und sieben andere ehemalige Mitglieder des SS-Sonderkommandos von Bełżec. Sie wertet die Teilnahme der acht Verdächtigen an der systematischen Vernichtung der Juden als Beihilfe für die Täter in der Begehung eines gemeinschaftliches Mordes. Die Haupttäter sind nach dieser Sicht Hitler, Himmler oder Heydrich, die den Judenmord organisiert hatten und die man nicht mehr verfolgen konnte.
Es ist folglich kaum erstaunlich, dass die 4. Strafkammer des Landgerichts München I am 30. Januar 1964 die Eröffnung einer Hauptverhandlung ablehnte. Aber für die Zentrale Stelle handelte es sich offenbar um eine unerwartete Entscheidung. Gerichtsassessor Zeug hatte im September 1963 seine Versuche noch nicht aufgegeben, neue Hinweise bezüglich des Lagers Bełżec zu finden, und dies trotz der zusätzlichen Schwierigkeit, die sich dadurch ergab, dass Rudolf Reder in Anbetracht seines fortgeschrittenen Alters nicht als Zeuge während des Prozesses auftreten konnte.
Der Beschluss der 4. Strafkammer hat schließlich die verbrecherischen Handlungen, die von den acht Angeklagten begangen wurden, unter dem Aspekt des Befehlsnotstandes beurteilt. Nach dieser fragwürdigen und unkritischen Analyse der Vernehmungen der ehemaligen Mitglieder des SS-Sonderkommandos hätten die acht Angeklagten immer nur auf Befehl der Kommandanten des Lagers gehandelt. Der grausame Charakter dieser Kommandanten habe eine Weigerung, die tödliche Aufgabe zu erfüllen, ohne das eigene Leben zu gefährden, unmöglich gemacht.

Josef Oberhauser konnte sich jedoch den Ermittlungen der Justiz nicht völlig entziehen, selbst wenn sein Prozess nur vom 18. bis zum 21. Januar 1965 gedauert hat. Er wurde zu vier Jahren und sechs Monaten Gefängnis mit Entzug der Bürgerrechte für eine Dauer von drei Jahren verurteilt - und das in Anbetracht seiner erwiesenen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen. Man muss allerdings darauf hinweisen, dass die Zeit, die Oberhauser in Untersuchungshaft verbracht hatte, auf seine Strafe angerechnet worden ist, die damit letztendlich noch geringer ausfiel. Wie es Pierre-Vidal Naquet – ein französischer Historiker – mit Blick auf dieses Thema ausgedrückt hat, machten die westdeutschen Ermittler also vielleicht manchmal eine „schwache Justiz“. Sie haben aber «gut für die Geschichte gearbeitet». Tatsächlich ist es heute für Historiker möglich, dank der Untersuchungen, die von der Zentralen Stelle in Ludwigsburg durchgeführt wurden, über die Geschichte der Völkermord-Politik in Bełżec und über die Ursprünge «der Aktion Reinhard» zu schreiben.