Die barmherzigen Leut von Martinsried

Die barmherzigen Leut von Martinsried
Ein Heimatstück von Oliver Storz
aufgeführt von der Studiobühne Besigheim

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Der Anlass: Als die Zentrale Stelle 2008 seit 50 Jahren bestand, organisierte der Förderverein ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm. Einer der Höhepunkte waren die Theateraufführungen im Hof der Zentralen Stelle. Da das Gebäude vor seiner neuen Nutzung über Jahrzehnte hinweg ein Gefängnis gewesen war, ist der Hof von einer hohen Mauer eingefasst (Teile davon gehörten einst zur Ludwigsburger Stadtmauer). Hohe Bäume säumen das Areal mit seiner eigentümlichen Atmosphäre – einer Mischung aus friedlichem, stillem Raum in der Stadt und beklemmendem Stück gegenwärtiger Vergangenheit.

Genau an diesem Ort führte die Studiobühne Besigheim drei Mal das kluge und anrührende Stück „Die barmherzigen Leut von Martinsried“ auf – den selben Stoff hatte der Autor auch als Grundlage für den bekannten Fernsehfilm „Drei Tage im April“ verarbeitet. Eigens für diesen Anlass, bei dem der frühere Gefängnishof den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt in einem lebendigen und ansprechenden Licht eröffnet wurde, war der hintere Teil des Hofs vorübergehend überdacht worden.

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Das Stück: April 1945, Martinsried, ein kleiner Flecken im Hohenloheschen, wird zum Schauplatz eines Kriegsdramas, das als beispielhaft für die seelisch-moralische Verfassung der deutschen Bevölkerung nach zwölf Jahren Diktatur gelten mag:
Mitten in der Nacht werden auf dem Bahnhof des Dorfes drei Viehwagons der Reichsbahn abgestellt, voll gestopft mit Menschen, von den Nazis Inhaftierte, zur Vernichtung in Dachau bestimmt. Bewacht werden sie von ukrainischen SS-Soldaten. Die furchtbaren Schreie der Verhungernden belasten die Bevölkerung, aber keiner traut sich eine Befreiungsaktion
zu. Der Frontverlauf ist unsicher, insgeheim hoffen die meisten auf den Einmarsch der amerikanischen Truppen.
Allerdings treibt auch die deutsche Waffen-SS ihr Unwesen; mit bedingungsloser Brutalität geht sie gegen „Verräter“ und „Deserteure“ vor. Im Dorf drückt sich die Führungsriege um eine
Entscheidung: Wie sie es gelernt haben, verweisen Bürgermeister, Ortsbauernführer, NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bahnhofsvorsteher auf die ihnen übergeordneten Instanzen. Der Pfarrer des Ortes wurde schon vor Jahren mundtot gemacht, und die Führung im fernen Berlin hat in ihrem berühmten Bunker andere Sorgen, als sich um ein Nest in der schwäbischen Provinz zu kümmern.
Einzig die zwanzigjährige Anna, Tochter des Gastwirtes und Bauernführers Beisch, glühende Verehrerin des Führers und BDM-Leiterin, kann sich nicht gegen ihr Gewissen auflehnen. Nur ihre Liebe zum Kriegshelden Leutnant Wöhr steht einer Beendigung des Martyriums der Todgeweihten entgegen.

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Der Ansatz der Theatermacher: Die Besigheimer Studiobühne erinnert an diese Begebenheit, gerade weil sie in unmittelbarer Nähe unserer Heimat stattfand und der Charakter der handelnden Personen uns nicht nur durch ihren Dialekt sehr nahe ist. Die Folgen der Nazipolitik und das schreckliche Gesicht des Krieges wurden den Menschen damals zum ersten Mal richtig bewusst. Die Frage „Wie hätte ich damals gehandelt?“ stellt sich uns Heutigen.